Sehnsucht Ostsee: Hoffnung auf Urlaub

ZDF.reportage

Die Ostseestrände Mecklenburg-Vorpommerns - seit Jahren das Lieblingsreiseziel der Deutschen – doch wegen Corona weitgehend geschlossen. Dabei ist die Sehnsucht nach Seeluft, Strand und Meer im entbehrungsreichen zweiten Jahr der Pandemie besonders groß. Weite Teile der Ostseeküste werden im Frühjahr 2021 zu einer riesigen Verbotszone erklärt. Verstärkte Polizeikontrollen vor der Küste: Wer sich nicht als Einheimischer ausweisen kann, wird wieder zurückgeschickt. Nur ein kleiner Kreis von Personen darf einreisen – für Besuche der Kernfamilie oder als Kurgast. Doch genau diese Bestimmungen ändern sich seit Ostern im Wochentakt, manchmal häufiger. Werden Dauercamper geduldet oder nicht? Müssen Zweitwohnungsbesitzer ausreisen, oder dürfen sie bleiben? "Mit meinem 'B' am Nummernschild werde ich überall schon schräg angeschaut", so empfindet es Thomas R., der zum Einkaufen lieber zu Fuß unterwegs ist, damit ihm keiner das Auto zerkratzt, wie er meint. "Dabei ist doch hier viel mehr Luft zum Atmen, mehr Platz, um sich aus dem Weg zu gehen, als in unserem Berliner Miethaus." Ein Nachbar auf dem Campingplatz Ückeritz findet, dass sie zu DDR-Zeiten mehr Freiheiten hatten als jetzt. "Da konnten wir wenigstens reisen, wenn auch nur in die andere Richtung!" Dieter L. und Ute N. rechnen als Zweitwohnungsbesitzer auf der Insel Usedom jederzeit damit, dass sie ausgewiesen werden. "Das ist ein ganz schreckliches Gefühl, ja. Hoffentlich kommt keine Polizei, holt uns raus, und wir hätten dann den ganzen Weg umsonst gemacht." Die Stimmung ist nicht nur bei den wenigen Reisenden im Keller. Auch bei Einheimischen liegen die Nerven blank: Etwa 80 Prozent der Wirtschaft hängen an der Küste unmittelbar vom Tourismus ab. Zwar erhalten die meisten Betriebe staatliche Unterstützungen für einige laufende Betriebskosten. Doch wer zum Beispiel von einem kleinen Hotel leben muss, für das noch Kredite laufen, kommt jetzt in große Schwierigkeiten. Sonja S. betreibt ein solches Hotel mit sieben Zimmern auf Rügen. Schon zum zweiten Mal ist ihr im April die Hauptsaison weggebrochen. "Da ist das Haus normalerweise voller Heringsangler, aber von denen durfte ja niemand kommen." 100 Prozent Stornierungen. Totalausfall. Existenzsorgen. "Wir sind nur froh, dass wir unsere Schulden nicht bei einer Bank, sondern innerhalb der Familie haben. Andere wären in dieser Situation längst pleitegegangen." Leer gefegt auch "die Meile" in Binz, wo sich Edelboutiquen und Luxushotels aneinanderreihen. Die Zeit der Schließung hat der örtliche Modezar und Multi-Geschäftsmann Ulf Dohrmann für den Umbau seiner Läden genutzt. Er ist ungewöhnlich nervös, denn für ihn steht gerade viel auf dem Spiel: "Ich gebe zurzeit jede Woche um die 100 000 Euro für bestellte Ware aus. Die muss ich abnehmen und bezahlen. Vertrag ist Vertrag. Aber wer soll die Klamotten kaufen?" Am Strand, an der Promenade – gähnende Leere, keine Touristen. Nur kurz darf er öffnen, dann kommt, nach zwei Wochen, der nächste Lockdown. Die Mitarbeiter, gerade zurück aus der heimischen Isolation, gehen zurück in die Kurzarbeit. Die Reportage begleitet Menschen durch eine Zeit völliger Ungewissheit an einem Ort großer Sehnsüchte – den breiten Sandstränden der Ostsee.Autor: Felix Krüger Kamera: Matthias Ruuck Ton: Rainer Hochmuth Schitt: Sebastian Pehl